Homophober Moslem, toleranter Westen?
Eine kritische Analyse zur Kulturalisierung von Homophobie

Aus: graswurzelrevolution 2010/350.

Georg Klauda: Die Vertreibung aus dem Serail. Europa und die Heteronormalisierung der islamischen Welt. Männerschwarm Verlag, Hamburg 2008, 168 Seiten, 16 Euro, ISBN 987-3-939542-34-6

Wer, der oder die sich auf eine Clash of Civilisations-Debatte eingelassen hat, kennt die Argumente nicht, dass die islamische Welt nicht weniger als der Gegenpol zu Zivilisation und Moderne (also des „Westens“) sei und dass das u.a. durch eine schier ungezügelte Homophobie bei eben jenen „Anderen“ klar erkenntlich sei? Dass die Realität, wie sie oft, um einiges diffiziler ist, als sie von so manchem „Propagandazwerg“ (Wiglaf Droste über Henryk M. Broder) dargelegt wird, belegt der Soziologe Georg Klauda eindrücklich.

So prüft der Autor eine der gängigsten Thesen – Homophobie sei der „muslimischen Kultur“ inhärent und sei des weiteren ein Ausdruck für deren Rückständigkeit – kritisch und kommt auf erstaunliche Schlüsse, auch was die Rolle Europas betrifft. Das Buch beginnt mit einem aufschlussreichen Blick in die Geschichte, wo viele der heute diskutierten Probleme auf den Kopf gestellt scheinen.

Damals (womit hier primär das 18. und 19. Jahrhundert gemeint sind) war der „Orient“ eine „Projektionsfläche für die homoerotischen Wunschphantasien der europäischen Bohème“. (S. 17) Die osmanische, arabische und persische Literatur war gespickt mit oft explizit homoerotischen Motiven, so dass derartige Liebesgedichte von ihren schockierten europäischen ÜbersetzerInnen zumeist feminisiert wurden. Die Heteronomralisierung der islamischen Welt, also die explizite Aufteilung und Benennung von „normaler“ heterosexueller und „anormaler“ homosexueller Liebe, wurde zu jener Zeit vor allem durch den westlichen Einfluss vorangetrieben.

Damals echauffierten sich paradoxerweise die EuropäerInnen im Namen der Zivilisation über den Grad an Akzeptanz von gleichgeschlichtlicher Liebe in der islamischen Welt. So empörte sich der Franzose Charles Sonnini im späten 18. Jahrhundert: „Die Liebe wider die Natur […] bildet das Vergnügen, oder sagen wir besser, die Infamie der Ägypter. Nicht für Frauen sind ihre amourösen Lieder komponiert, nicht ihnen spenden sie zärtliche Liebkosungen […].“ (S. 17f)

Für das nötige Hintergrundwissen sorgt das zweite Kapitel, das sich näher mit der Stellung von Homosexualität im Islam und in den verschiedenen islamischen Rechtsschulen befasst. Eine der Haupterkenntnisse daraus ist, dass es in der Scharia kein zu bestrafendes Delikt „Homosexualität“ gibt. Verboten ist laut Scharia lediglich eine bestimmte Handlung (liwat), nämlich der Analverkehr, und nicht eine bestimmte Art zu lieben (bzw. ein Personenkreis). Auch, dass dieses Verbot zwangsläufig die Todesstrafe verlange, sei, wie der Autor belegt, „grob irreführend“. (S. 129) Und selbst auf dem „Höhepunkt islamischer Untersagungsdiskurse“, so Georg Klauda, sei ein frappierender Unterschied zum „modernen System heteronormativer Ausgrenzungen“ festzustellen: „[W]ährend letzeres die Annahme einer Anormalität des Begehrens enthält, ist es hier gerade die Universalität der Verlockung, die das Verbot nötig macht.“ (S. 46, Hervorhebung im Original)

Einige Sufis standen offen zu ihrer Zuneigung zu Männern, einige traditionelle islamische Juristen gingen von der Prämisse aus, „dass die erotische Attraktion gegenüber dem eigenen Geschlecht ein natürliches Faktum“ sei. (S. 51) Wenn also heute Islamisten sich durch betont homosexuellenfeindliche Rhetorik hervortun und sie als „Perversion des Westens“ geißeln, setzt paradoxerweise ein „europäische[r] Diskurs wieder ein, der Jahrhunderte lang als Vorwurf gegen den Islam gebraucht wurde“. (S. 131)

Am Beispiel der Türkei analysiert der Autor, dass die Ursprünge der Homophobie in der türkischen Gesellschaft heute eben nicht in der traditionellen, muslimisch geprägten Bevölkerung des Osmanischen Reiches zu suchen sind, sondern in der Ära der Modernisierung durch Kemal Atatürk. Genau an solchen Punkten beginnen die Analysen zu hinken, die Homophobie in der scheinbar so archaischen und unaufgeklärten „islamischen Kultur“ verorten und dabei übersehen, dass derartige Phänomene durchaus, wie z.B. im Fall der Türkei, mit Modernisierungsprozessen einhergehen.

Das Buch ist jedoch keine bloße historische Abhandlung. Der Autor stellt immer wieder und ausführlich den Bezug zur Gegenwart her, entlarvt in intelligenter Art und Weise (neo)rassistische und islamo/xenophobe Diskurse und Projektionen. Auch geht er mit der homosexuellen Szene in Deutschland und deren zunehmenden Tendenz, Homophobie zu kulturalisieren, nicht zimperlich um und attestiert, dass diese, „angestachelt durch das neue Feindbild Islam“, aufgehört habe, „die Heteronormativität westlicher Gesellschaften überhaupt noch als ernsthaftes Problem zu begreifen“. (S. 132) Kritik dieser Art, die einige Male vorkommt, ist umso interessanter, als sie von jemandem kommt, der Teil dieser Szene ist, denn Georg Klauda ist u.a. Mitbegründer der sexualemanzipatorischen Zeitschrift Gigi und war Schwulenreferent im AStA der Freien Universität Berlin.

Bleibt zum Schluss nur noch zu sagen: was für ein tolles und erkenntnisreiches Buch! Eine der wenigen Arbeiten zu diesem Thema, die der Versachlichung des Diskurses dienen, die die Oberflächlichkeiten, die hierzu wie wild grassieren, beiseite schiebt bzw. kritisch analysiert, Projektionen und eurozentrische Denkmuster hinterfragt und somit einen wichtigen und produktiven Beitrag gegen essentialistische Parolen und stereotypisierende Hetze leistet, ohne den Blick auf die Realität zu verlieren.

Sebastian Kalicha