Abwälzen auf die anderen

Aus: literatur, Beilage der jW vom 12.03.2009.

Georg Klaudas Studie »Die Vertreibung aus dem Serail« rechnet radikal mit heteronormativen Projektionen ab

Dirk Ruder

In die immer mal wieder in die Mainstream-Medien schwappende Debatte um schwulenfeindliche Übergriffe von Tätern mit Migrationshintergrund und die Schwulenfeindlichkeit des Islam knallt jetzt ein Buch, das kenntnisreich mit einer ganzen Reihe von Ressentiments und rassistischen Vorurteilen aufräumt. Die verlogene Debatte hat’s dringend nötig. Und mit dem Berliner Soziologen Georg Klauda widmet sich ihr ein Autor, der erstens die Pappenheimer der Homoszene, aus der er selbst kommt, ausgesprochen gut kennt und zweitens nicht viel von akademischer Zurückhaltung hält, wenn eine klare politische Positionierung angebracht ist. Klaudas Studie hat, mit Anhang, zwar gerade mal 170 Seiten, aber auf denen geht’s auf hohem theoretischen Niveau heftigst zur Sache.

Womit wir auch schon bei der Frage wären, warum der Band seit der Veröffentlichung so ordentlich beschwiegen wird: Er rührt an Tabus des aktuellen Wissenschaftsbetriebs und grätscht zudem in die Bemühungen bestimmter Lobbygruppen der Homoszene. Mainstream-Medien fallen immer mal wieder auf die Behauptung herein, der Moslem, insbesondere der aus Kreuzberg und Neukölln stammende, sei quasi der natürliche Feind des friedliebenden Schöneberger Homosexuellen. Genau darum ist der souveräne Band übrigens kein Thema in der kommerziellen Homopresse, denn Klauda teilt ordentlich aus. Angefangen vom Lesben- und Schwulenverband (LSVD) über das schwule Antigewaltprojekt »Maneo« in Berlin und die Nationalfeministinnen um Halina Bendkowski bis hin zu den gewohnheitsmäßigen Schreibtischtätern in der Berliner Rudi-Dutschke-Straße bekommen alle ihr Fett weg. Das Schweigen ist vorprogrammiert, denn die im Falle von LSVD und »Maneo« durchweg aus Landes- oder Bundesmitteln finanzierten Sachwalter des homosexuellen Migrationsdiskurses lieben keine öffentliche Aufregung um ihre geradezu surrealen Zahlentricksereien bei den Antigewaltstatistiken.

Der Redakteur der tageszeitung Jan Feddersen bekommt gleich auf Seite zwei der Einleitung einen vor den Latz geknallt. Im taz-Artikel »Was guckst du? Bist du schwul?« hatte Feddersen im Jahr 2003 einmal mehr die »Zivilisierung des Vormodernen« verlangt. »Zivilisiert« werden müßten nach Feddersen junge Männer, »die im weitesten (!) Sinne dem muslimischen Kulturkreis zuzurechnen sind«. Jene Menschengruppe also, die wachsende Teile der Homoszene – von Feddersen wiederholt publizistisch angefeuert – als ethisch zurückgebliebene Schulschwänzer mit der Hauptbeschäftigung Schwulenklatschen halluzinieren. »Gegen diese Konstruktion von Lesben- und Schwulenfeindlichkeit als ein ›vorzivilisatorisches‹ Relikt, das zunehmend auf den Fremden und ›anderen‹ abgewälzt wird, nimmt das Buch wissenschaftlich Stellung«, wie der Autor im Vorwort klarstellt. Die Arbeit geht im wesentlichen auf Klaudas soziologische Diplomarbeit zurück und hat bei der Überarbeitung für ein breiteres Publikum den Charakter einer durchweg leidenschaftlichen Streitschrift angenommen, die bisweilen auch Züge eines geradezu saftigen Tuntenbuchs trägt. Staatsfernen Perversen liefert es wichtige Denkanstöße und etliche Fakten für die Debatten der kommenden Jahre.

Klauda schaut gründlich hin. Vorgänge in der arabischen-islamischen Welt seien westlichen Beobachtern »aufgrund einer Perspektive, die identitäre Denkformen naturalisiert, nur in einer die eigene Überlegenheit hervorkehrenden, in letzter Konsequenz rassistischen Weise zugänglich«, umreißt er das Grundproblem. Eine schärfere Absage an das allgegenwärtige homosexuelle Identitätskonzept als im Kern rassistisch ist bislang nirgendwo formuliert worden. Nicht ohne ist auch der Hinweis, daß die Unterscheidung von – durchweg lediglich vermuteten – Täter-Nationalitäten in den Jahresberichten der schwulen Überfalltelefone »nicht das geringste« zur Vermeidung homophob motivierter Attacken beiträgt, sondern vielmehr den Blick auf den zugrundeliegenden Mechanismus verstellt. Homophobie werde demnach von Teilen der Homoszene als »Ausdruck dieser oder jener kulturellen Tradition gelesen« und nicht als Strukturmerkmal der westlichen Gesellschaft, »die Menschen nach sexuellen Identitätskategorien sortiert«. Das kommt einer an Projekte wie »Maneo« gerichteten Aufforderung gleich, den vom »rot-roten« Senat finanzierten Laden dichtzumachen. Seiner beruflichen Zukunft in einem von queertheoretischer Homoesoterik durchdrungenen Akademiebetrieb hat Klauda damit wohl kaum gedient, aber wenigstens wird ihm niemand Feigheit nachsagen können.

Klauda deckt zunächst eine Reihe beliebter Projektionen auf, »in denen der ›Orient‹ einerseits als das ganz Andere des Westens konstruiert, andererseits aber die eigenen Denkformen in der Wahrnehmung dieses Anderen nie in Zweifel gezogen werden«. Dazu gehöre auch »die gewalttätige Schwulenfeindlichkeit mancher Kreuzberger Jugendlicher«, die Leute wie Feddersen »nicht als Bestandteil seiner eigenen Gesellschaft erkennen« wollten.

Im zweiten Kapitel wirft der Autor einen Blick auf die religiöse Konstruktion von Liwat, dem islamischen Pendant zum christlichen Sodomiebegriff. »Liwat ist das Einführen des Penis in den Anus einer anderen Person mindestens bis zur Eichel. Die Exaktheit dieser Bestimmung weist bereits auf ein besonderes Merkmal dieser Bestimmung hin – es handelt sich um eine streng juristische Kategorie, weniger um ein Werkzeug der moralischen Mobilisierung.« Dem entsprechend seien »die Beweismethoden genau festgelegt und machen eine Überführung wegen Liwat äußerst unwahrscheinlich«.

Für seine These hat Klauda ein überzeugendes Argument: »Eine Sodomitenverfolgung, gar in Dimensionen, wie sie in der europäischen Neuzeit« – also seit etwa dem 15. Jahrhundert – stattfand, habe es »im islamischen Herrschaftsbereich nie gegeben«. Historisch gesehen war es nämlich »der Westen selbst«, der heteronormative Gewaltverhältnisse »mit seinem eigenen Beispiel inspirierte«. Von wegen Vormoderne: Die soziologischen Strukturen »dessen, was wir heute Homophobie nennen« formten sich gerade erst in der Epoche der Aufklärung heraus. Im spannenden vorletzten Kapitel zeichnet Klauda nach, wie in Europa aus »geschworenen« schließlich »warme« Brüder wurden und fortan die in der muslimischen Welt bis heute üblichen offenen Freundschafts- und sogar Liebesbezeugungen unter Männern, eine »Freundschaft als Lebensweise« (Foucault), im christlichen Abendland bis auf weiteres unmöglich machten. Selbstverständlich leugnet Klauda die aktuelle Schwulenverfolgung in verschiedenen islamischen Ländern nicht, analysiert sie aber treffend als »Überschneidung zweier Machtformen«, nämlich »der Unterscheidung islamischer Juristen zwischen erlaubten und verbotenen Handlungen« sowie »der modernen, aus dem westlichen Pathologie-Diskurs übernommenen Sortierung zwischen ›normalen‹ und ›anormalen‹ Subjekten«.

Klauda erweist sich somit als profunder Kenner der Materie – und überdies als Opernliebhaber. Verweist doch der Titel seiner Studie auf Mozarts komische Oper »Die Entführung aus dem Serail« von 1782. »Der Stoff spielt mit dem zeitgenössischen Enthusiasmus für die ›exotische‹ Kultur der Türkei«, erläutert Wikipedia, »einem Land, das noch kurze Zeit zuvor eine militärische Bedrohung für Österreich dargestellt hatte und somit für die Wiener von pikantem Interesse war.«

Georg Klauda: Die Vertreibung aus dem Serail. Europa und die Heteronormalisierung der islamischen Welt. Verlag Männerschwarm, Hamburg 2008, 170 Seiten, 16 Euro