Materialistische Gender-Geschichtsschreibung

Aus: Kilby 2, Literaturbeilage der Phase 2, Heft 32, Sommer 2009.

Georg Klaudas Die Vertreibung aus dem Serail beschäftigt sich laut Untertitel mit der »Heteronormalisierung der islamischen Welt«, anders ausgedrückt: mit der Herausbildung einer Geschlechterordnung, in der das Begehren streng heterosexuell geregelt ist. Ausgangspunkt für diese Untersuchung ist die Geschichte des Umgangs mit männlicher Homosexualität in der islamischen Welt – wobei das Buch Argumente dafür entwickelt, den Begriff Homosexualität in einem historischen Kontext nur mit Vorsicht zu verwenden. Weibliche Homosexualität klammert der Autor bewusst aus, da er in ihrer Unterdrückung andere Strukturen am Werk sieht, die eine eigene Untersuchung nötig machen würden.

Zu Beginn stellt Klauda fest, dass der Grund für islamistische Homophobie für gewöhnlich der Verhaftung in vormodernen religiösen Geboten zugeschrieben wird. Diese Vorstellung betrachtet der Autor als Spielart eines orientalistischen Blicks, der dem »Anderen« Rückständigkeit zuschreibt und sich dabei selbst als aufgeklärt und freiheitlich definiert. Dagegen setzt Klauda die These, dass die Vorstellung einer wesenhaften Homosexualität und die daran geknüpfte Form der Homophobie sich erst in etwa den letzten zweihundert Jahren in Westeuropa entwickelt und von da aus ihren Siegeszug um die Welt angetreten habe.

In den beiden Hauptkapiteln des Buchs führt Klauda aus, durch welche Freiheiten und Repressalien körperliche und sexuelle Kontakte zwischen Männern einerseits in der islamischen Welt und andererseits im vorherrschend christlichen Westeuropa geregelt waren. Er kommt zu dem Schluss, dass es in beiden Gesellschaften jeweils unterschiedliche Verbotssysteme gab, dass sich vorerst allerdings keines davon dadurch auszeichnete, dass es männliche Homosexuelle als Gruppe definierte. Der Mann-männliche sexuelle Kontakt tauchte vielmehr als Sünde auf, als lüsterne Verfehlung, die prinzipiell jedem unterlaufen konnte und die stark auf spezifische sexuelle Akte eingegrenzt war. Damit war der Spielraum für körperliche Männerliebe erst einmal sehr weit gesteckt. Vor allem aber existierte das Phänomen einer Anormalisierung homosexueller Lust nicht, die sie als »wider die Natur« definiert hätte. Damit bestand für Männer auch keine solche Notwendigkeit, sich eindeutig von homosexuellen Kontakten abzugrenzen, beziehungsweise, sich im Umkehrschluss zu ihrer Homosexualität zu »bekennen«.

Das Motiv der Typisierung des »Homosexuellen« verortet Klauda dagegen in Strömungen des Christentums. Bei der Untersuchung seiner Durchsetzung geht er allerdings nicht rein ideen- und religionsgeschichtlich vor, sondern sucht Gründe für die Essentialisierung von Homosexualität im Wandel der Gesellschafts- und Familienstrukturen, der sich mit der Entstehung des modernen bürgerlichen Subjekts einstellte.

Am Beispiel der Türkei untersucht Klauda dann den Import der essentialisierten Homophobie in die islamische Welt. Dankenswerterweise rutscht er dabei nicht in die These vom »Kulturimperialismus« ab, sondern legt überzeugend dar, wie der im Werden begriffene türkische Nationalstaat sich »westliche« Ideen aktiv zueigen machte, die eben auch eine bestimmte Form der Heteronormalisierung beinhalteten.

Zuweilen hat man den Eindruck, dass Klauda die vormoderne »Männerfreundschaft«, wie er sie vor allem für die islamische Welt beschreibt, ein wenig idealisiert. Andererseits unterschlägt er nicht, dass eben diese auch Teil eines patriarchalen gesellschaftlichen Herrschaftssystems war. Letztlich geht es Klauda weniger darum, verschiedene Systeme gegeneinander aufzuwiegen und ihren jeweiligen Grad der Freiheit in der Wahl der eigenen Sexualität zu bemessen. Stattdessen untersucht er die Herausbildung von stark sexualisierten Identitäten überhaupt, mit dem Ziel, Homophobie in ihrer konkreten historischen Verortung greifbar zu machen, anstatt sie schlicht einer barbarischen Vorzeit zuzuschlagen. Dabei entschuldigt er den Islamismus nicht einfach, indem er die Schuld für alle Homophobie der »westlichen Moderne« zuschiebt. Stattdessen stellt er sich die Frage, wie es zu dem Übergang von vormodernen, in Sachen männlicher Homoerotik freizügigen islamischen Gesellschaften hin zu der extremen Repression der heutigen Zeit kommt.

Letztlich nähert sich Klauda dabei aus einer neuen Perspektive der durchaus geläufigen These an, dass der Islamismus ein Phänomen der Moderne sei und kein Überbleibsel vergangener Zeiten. Dabei bleibt er historisch konkret und behält den Austausch zwischen Westeuropa und der islamischen Welt im Blick. Es ist beeindruckend, auf welch engem Raum Klauda hier nicht nur Historisches darlegt, sondern auch weitgehende Thesen entwickelt. Die Vertreibung aus dem Serail bewegt sich fernab der öden Foucault- und Butler-Nachbeterei. Es handelt sich um einen originären, gewissenhaften Beitrag zu einer materialistischen Geschichte der Geschlechterverhältnisse.

~Von Jakob Schmidt.

Georg Klauda: Die Vertreibung aus dem Serail. Europa und die Heteronormalisierung der islamischen Welt, Männerschwarm Verlag, Hamburg 2008, 168 S., € 16,00.